Die Grössten Irrtümer I: Stimmung und Wartung

Irrtum Nr. 1: Verstimmungen werden meistens durch Transporte verursacht
Irrtum Nr. 2: Ein Klavier muss zweimal jährlich gestimmt werden
Irrtum Nr. 3: Mit elektronischen Messgeräten stimmen ist unfachmännisch
Irrtum Nr. 4: Die meisten Instrumente klingen bei 442 oder 443 Hz besser
Irrtum Nr. 5: Klavierstimmer haben das absolute Gehör
Irrtum Nr. 6: Seit das Klavier gestimmt wurde, funktioniert es nicht mehr richtig
Irrtum Nr. 7: Die Tastenklappe eines Klaviers sollte immer geschlossen sein
Irrtum Nr. 8: Man sollte im Inneren des Klaviers einen Wasserbehälter aufstellen

 

Irrtum Nr. 1: Verstimmungen werden meistens durch Transporte verursacht

Viele Instrumente kommen nur deshalb hin und wieder in den Genuss einer Stimmung, weil sie alle paar Jahre einen Standortwechsel mitmachen. Dabei ist der Einfluss von Transporten marginal im Vergleich zum Spannungsverlust, der sich im Laufe der Jahre von selbst einstellt.

Generell sind Klaviere empfindlicher als Flügel, weil ein Gegenstand, der an vier Punkten den Kontakt zum Boden hat, per se weniger verwindungssteif ist als einer, der mit drei Beinen nun einmal „nicht wackeln kann“. Bei Klavieren kann es durch Transport oder unebenen Untergrund über Resonanzboden und Stege zu Einwirkungen auf die Besaitung und damit tatsächlich zu Verstimmungen kommen. Ein Flügel dagegen ist mit seiner gebogenen Gehäusewand aus einem Stück schon von daher erheblich stabiler und kann deshalb bedenkenlos nach der Stimmung in der Position verändert oder gar umtransportiert werden – eine Erkenntnis, die im Veranstaltungs- und Konzertbetrieb die Planung der meist knappen Zeit erheblich erleichtern könnte.

Die meisten Klaviere und Flügel sind jedoch vor allem deshalb verstimmt, weil sie seit Jahren nicht gestimmt wurden – oder aufgrund von jahreszeitlichen Klimaschwankungen, deren Einfluss ebenfalls völlig unterschätzt wird.

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Irrtum Nr. 2: Ein Klavier muß zweimal jährlich gestimmt werden

Für die meisten Instrumente wäre schon einmal jährlich eine erhebliche Verbesserung, kürzere Abstände können darüber hinaus sogar kontraproduktiv sein! Dann nämlich, wenn die Stimmungen unter verschiedenen äußeren Bedingungen stattfinden: Denn der Stimmer kann ja nur die Saitenspannung an die Veränderungen im Bereich des hölzernen Klangkörpers anpassen, ohne die tatsächlichen, meist klimatisch bedingten Ursachen der Verstimmung damit zu beeinflussen.

Dieses „HInterherstimmen“ führt zu einem fatalen Jojo-Effekt, bei dem das Instrument überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommt, weil es immer abwechselnd herauf- und heruntergestimmt wird.

Sollte es dagegen gelingen, in zwei verschiedenen Jahreszeiten einen Zeitpunkt mit der gleich hohen Luftfeuchtigkeit zu finden, ist das Klavier ja wahrscheinlich dann gerade am wenigsten verstimmt! Also kann man das Instrument auch gleich einmal im Jahr zum möglichst gleichen Zeitpunkt stimmen lassen, denn dies ist absolut ausreichend, um den permanenten Spannungsverlust auszugleichen.

Das gilt natürlich nicht für Instrumente, die immer gut gestimmt sein müssen, hier muss nach Bedarf, also ohne feste Stimmintervalle vorgegangen werden.

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Irrtum Nr. 3: Mit elektronischen Messgeräten stimmen ist unfachmännisch

Elektronische Stimmhilfen gibt es schon seit langer Zeit und sie hatten noch nie Schwierigkeiten damit, eine perfekte Stimmung zu berechnen. Es sind die Instrumente selbst, die nicht perfekt sind, weil jede Saite eine Reihe von Teiltönen produziert. Und diese stehen oft in einem nicht harmonischen Verhältnis zum Grundton – das Phänomen der so genannten Inharmonizität. Da diese Inharmonizität bei jedem Instrument anders ausfällt, waren die Ergebnisse mit früheren Stimmgeräten oft unbefriedigend.

Inzwischen ist Software für mobile PC’s oder Smartphones gebräuchlich, mit denen man die Inharmonizität anhand bestimmter Referenztöne messen und daraus die passende „Stimmkurve“ errechnen kann. Das neueste Programm auf dem Markt erledigt diese Messung sogar für jede einzelne Note automatisch im Hintergrund, während das Instrument gestimmt wird. Die Ergebnisse sind tadellos.

Es wäre jedoch ein Trugschluss zu glauben, jeder könne mit dem entsprechenden Programm sein Instrument nun einfach selber stimmen. Diese modernen Werkzeuge sind als zusätzliche Hilfen für professionelle Stimmer gedacht, die auch mit einem Stimmhammer umgehen können (Stichwort Stimmhaltung), und außerdem in der Lage sind, ein ggf. völlig verstimmtes Instrument entsprechend vorzubereiten. Alles andere wäre wie der Versuch, den erschlafften Saiten etwa einer Geige mit den Feinstimmern beizukommen…

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Irrtum Nr. 4: Die meisten Instrumente klingen bei 442 oder 443 Hz besser

Laut DIN 1320 ist der Normstimmton auf 440 Hz festgelegt. In Deutschland wird aber sehr oft höher gestimmt, während vor allem die angloamerikanischen Künstler auf Einhaltung der auch international gültigen Norm von 440 Hz bestehen. In beiden Fällen werden immer wieder klangliche Gründe angeführt, auch wenn dies bei zwei oder max. drei Hz Unterschied kaum ins Gewicht fällt.

Wenn es schon nicht möglich ist, die bestehenden Standards durchzusetzen, wäre auf beiden Seiten wenigstens eine größere Flexibilität erforderlich, zumindest in Fällen, wo keine anderen Instrumente mit festen Stimmhöhen beteiligt sind.

Denn ein Flügel, der um zwei oder drei Hz heruntergestimmt wird (oder umgekehrt), befindet sich in Unruhe, weil sich die Spannungsänderungen erst mit einer gewissen Verzögerung auf die verschiedenen Abschnitte einer Saite übertragen. Er kann also die Stimmung nicht so gut halten wie ein Instrument, bei dem nur Feinheiten ausgeglichen werden müssen. Ganz zu schweigen von dem Schaden, der durch Einschneiden der Saiten an der vorderen Saitenbegrenzung („Silie“) entsteht, was zur verstärkten Gefahr des Reißens und zu unsauber schwingenden Tönen führt.

Ein Umstimmen aus rein klanglichen Gründen ist daher in Abwägung mit den dargestellten Nachteilen unbedingt abzulehnen.

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Irrtum Nr. 5: Klavierstimmer haben das absolute Gehör

Falsch – denn beim Klavierstimmen geht es ja gerade um das genaue Gegenteil: Nämlich darum, Töne relativ richtig zu anderen Tönen zu stimmen. Dabei kann der Ausgangspunkt sehr verschieden sein, je nachdem ob der „Kammerton A“ 440 oder vielleicht sogar 445 Hertz hat.

Der Vorteil des absoluten Gehörs liegt für seine Besitzer lediglich darin, dass sie auf Anhieb und ohne Hilfsmittel erkennen können, in welcher Tonart z. B. gerade musiziert wird. Dabei kommt es nicht auf besondere Feinheiten an, während ein Klavierstimmer in der Lage sein muss, mit wenigen Cent Unterschied (1Halbton = 100 Cent) zu arbeiten. Und das ist leider nicht angeboren, sondern muss erlernt werden!

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Irrtum Nr. 6: Seit das Klavier gestimmt wurde, funktioniert es nicht mehr richtig

Ist ein Klavier verstimmt, wird die Aufmerksamkeit überwiegend davon in Anspruch genommen. Nach dem Stimmen werden dann plötzlich manch echte oder vermeintliche Unzulänglichkeiten wahrgenommen, die wegen der Verstimmung in den Hintergrund getreten waren. Hier zwei „Klassiker“:

1. Plötzlich fällt der lange Nachklang im oberen Diskant auf. Dieser ist aber konstruktionsbedingt: Einmal ist hier kaum noch Platz für Dämpfer vorhanden. Aber vor allem dienen die ungedämpft mitschwingenden Saiten zur Verstärkung der generell geringeren Lautstärke in diesem Bereich. Und: Dieses „Problem“ ist bei allen Klavieren und Flügeln vorhanden!

2. Das linke Pedal beim Klavier, das auf einmal kaum einen Effekt hat. Aber im Gegenteil zum Flügel, wo die gesamte Mechanik seitlich verschoben wird, so dass nur noch 2 von 3 Saiten erklingen, werden beim Klavier die Hämmer nach vorne gekippt, um den Hub zu verkürzen. Dadurch soll die Wucht des Anschlags reduziert werden. Eine nur bedingt brauchbare Funktion, denn hauptsächlich entsteht hier mehr „Luft“ zwischen Tasten und Mechanik, was sich ungünstig auf die Spielart auswirkt – aber abgesehen davon ist wahrscheinlich alles in Ordnung!

Auch für reale Mängel wie Ungleichmäßigkeit des Anschlags, zu dumpfe oder zu schrille Töne, Nebengeräusche usw. gilt, dass sie oft schon vorher da waren, nur bis jetzt nicht aufgefallen sind s. o.

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Irrtum Nr. 7: Die Tastenklappe eines Klaviers sollte immer geschlossen sein

Der Vergleich von Klavieren mit Särgen wird schon oft genug bemüht, daher kann es nicht schaden, wenn es eine sichtbare Klaviatur gibt, die zum Spielen einlädt. Die Tasten eines regelmäßig gespielten Klaviers müssen ohnehin von Zeit zu Zeit abgewischt werden. Dies geschieht am besten mit einem feuchten Tuch ohne Reinigungszusätze (stattdessen fest reiben). Der Staub unter den Tasten sollte hin und wieder im Rahmen einer professionellen Grundreinigung entfernt werden.

Bei Klaviaturen mit Elfenbein-Belag sollte die Tastenklappe sogar unbedingt offen stehen, denn wenn dieses Material kein Tageslicht bekommt, wird es gelb – diese Tatsache ist allgemein unbekannt. Bereits vergilbter Tastenbelag kann nur in der Werkstatt gebleicht, geschliffen und wieder poliert werden.

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Irrtum Nr. 8: Man sollte im Inneren des Klaviers einen Wasserbehälter aufstellen

Dieser Ratschlag stammt noch aus einer Zeit, als es keine besseren Mittel gab. Jedenfalls haben die üblichen Gurkengläser (selbst wenn sie überhaupt gefüllt sind) nicht die zur ausreichenden Verdunstung erforderliche große Oberfläche der Gefäßöffnung.

Besser sind spezielle Verdunster in Form eines Kunststoffrohres mit geschäumter Füllung, das mit Wasser vollgesogen ist (Hydrocel-Stab). Aber auch diese Methode bringt nach eigenen Messungen nur eine Verbesserung des Innen-Klimas im Klavier um ca. fünf Prozent, kann also die Schwankungen lediglich leicht abfedern.

Die Alternative ist der Betrieb eines Klavier-eigenen geregelten Klimasystems (Piano Life Saver), Informationen hier.

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